Drehscheibe Hoffnung


Ein Bericht von Karen König

Da sich einige von Euch sicher fragen, wie ein Abend an der Drehscheibe Köln Flughafen so abläuft, dachte ich mir, ich schreibe ich mal einen Bericht darüber. 

Die Entscheidung zum ersten Mal zur Drehscheibe zu fahren, habe ich ganz spontan getroffen. Als ich tagsüber gelesen hatte, dass der Zug wegen Lokschaden später abfahren und erst in der Nacht ankommen würde, hatte ich schon befürchtet, dass nur wenige Helfer sich auf den Weg machen würden – und als ich gesehen habe, dass Alfred auch fahren wollte, habe ich mich ganz spontan entschieden, mitzufahren.

Wir waren sehr frühzeitig da, da sich die erwarteten Ankunftszeiten noch mal von 0:45 Uhr auf 2:15 Uhr geändert hatten. Die Zelte sind nicht zu übersehen, wenn man in Parkhaus 2 geparkt hat. Es ist üblich, einfach „querfeldein“ über die Leitplanken vom Parkhaus zu steigen und über die Wiese zur Zeltstadt zu gehen. Dort sind zwei Eingänge sichtbar: links die Kleiderkammer, rechts Informations- und Helferzelt. Wir haben uns erst in der Kleiderkammer gemeldet, uns in die Helferliste eingetragen und sind dann mit grauen Westen ausgestattet ins Helferzelt gegangen.

Die Zelte sind gut beheizt, ich habe die zwei obersten Zwiebelschichten ausgezogen.

Hier gibt es allerlei Informationen durch die Stadt, für Essen und Trinken ist gesorgt und man kann sich mit anderen Helfern austauschen. Wichtig für Autofahrer: Hier gibt es die Parkkarte, mit der zum Einsatzende die Ausfahrt aus dem Parkhaus umsonst ist! Total praktisch finde ich die verschieden farbigen Westen (Mitarbeiter der Stadt Köln tragen rot, Dolmetscher der Stadt grün, die Helfer der Stadt blau und die Helfer aus der Kleiderkammer grau). Die Dolmetscher haben auf ihren Westen die Sprachen stehen, in denen sie angesprochen werden können.

Zu diesem Zeitpunkt stand auf der Infotafel als Ankunftszeit mit kölscher Genauigkeit „vielleicht 2:15 Uhr“. Wir haben uns umgeschaut und mit einigen anderen Helfern unterhalten. Dann habe ich mir einen kleinen Überblick über die Kleiderkammer verschafft. Ich habe noch nie außerhalb eines Schuhgeschäftes so viele Schuhe gesehen, dabei war ich schon in vier Kleiderkammern und Spendenannahmestellen. Die „alten Hasen“ in der Kleiderkammer machten eine kleine Einführung mit Rundgang für die Neulinge.

Caro und Melanie führten etwa ein Dutzend Neulinge durch die Zelte, wobei uns die Aufgaben erklärt wurden, die wir später haben würden. Es war sehr angenehm, dass die gesamten Abläufe von Ankunft des Zuges bis Abfahrt der Busse (und darüber hinaus, wenn Flüchtlinge auf eigene Faust mit der Bahn weiter reisen möchten) erklärt wurden, damit wir auf eventuell auftauchende Fragen auch Antworten finden konnten. Ich war beeindruckt davon, an was alles gedacht wurde – natürlich gibt es Essen und Trinken für die Ankommenden, aber auch eine Station, die auf Wunsch Babynahrung erwärmt und ausgibt, eine Wickelstation mit ausreichend Wechselkleidung, damit die Kinder nach dem Wickeln auch sauber angezogen werden können, die Spielecke mit den Betreuern, die zahlreichen Ladestationen für Handys und die vielen vorbereiteten Beutel für die Kinder mit Malsachen und Kuscheltieren . Sogar die Wechselstube neben dem Fahrkartenautomaten wurde trotz nächtlicher Uhrzeit durch die Sparkasse besetzt. Nachdem es zwischenzeitlich sogar hieß, dass der Zug wegen eines Notarzteinsatzes in Darmstadt noch später kommen würde (etwa halb vier), kristallisierte sich dann doch eine „pünktliche“ Ankunft heraus.

Um 1:15 Uhr führte die Stadt eine Einsatzbesprechung durch, in der die wichtigsten Infos weitergegeben und diejenigen Helfer ausgewählt wurden, die mit zum Zug gehen würden, während die übrigen vor dem Haupteingang und in den Zelten warten würden.

Dann gingen wir zur Einteilung in die Kleiderkammer – wir würden uns als „Runner“ im Zelt 1 (arabischsprachig) um die Tischgruppe sechs kümmern – drei Bierzeltgarnituren, für die wir zuständig waren.

Unsere Ausrüstung: Einlaminierte Blätter mit Piktogrammen und Schuhgrößenschablonen an Schlüsselbändern zum Umhängen, eine Reservetasche, um „Umtauschware“ auch immer in einer Tasche transportieren zu können, mehrere Paare Nitrilhandschuhe und auf Wunsch auch ein Mundschutz. Aus der entspannten Ruhe vor dem Sturm wurde dann plötzlich noch leichte Hektik, da der Zug tatsächlich um 2 Uhr schon eintraf. Da der Regen aufgehört hatte, stellten sich die meisten Helfer der Kleiderkammer vor dem Haupteingang zu Zelt 1 im Spalier auf, um die Flüchtlinge zu begrüßen. Immer lächeln, lächeln und winken (nein, ich bin kein Pinguin aus Madagaskar). Erstaunlich, wie viele wache und fröhliche Gesichter es um die Uhrzeit noch gibt. Immer wieder durch kleinere oder größere Lücken unterbrochen kam die Karawane auf uns zu, zuerst wurden die Kinder mit den extra für sie gepackten Beuteln überrascht, dann gingen alle durch unser Spalier: müde Gesichter, lachende Gesichter, erschöpfte Gesichter, glasige Augen und strahlende Augen, winkende Kinder und mittendrin eine leise Stimme, die fragte: „Where are we?“ – „Cologne, Germany“. Die Antwort? – Das strahlendste Lächeln der Nacht! Fast alle Neuankömmlinge haben schon warme (oft noch sehr neu aussehende) Schuhe und dicke Jacken an. Viele Kinder tragen Mützen und Schals. Jetzt los, ins Zelt, zu „unseren“ Tischen. Zunächst zurückhalten und die Menschen ankommen lassen, essen und trinken und zur Ruhe kommen – in der Zeit habe ich schon mit geübtem Blicken den Bedarf an Schuhen und Jacken gecheckt. An unseren Tischen hatte sich eine Doppelfamilie (irgendwie miteinander verwandt, zwei Familien mit insgesamt 7 Kindern, Oma mit scharfem Blick und deutlich gehandicapptem Opa im Rollstuhl) niedergelassen sowie ein Paar mit 12-jähriger Tochter. Ich versuchte es mit Englisch. Verständnislose, müde Blicke. Fingerzeichen auf unser umgehängtes Blatt mit Piktogrammen? Ein Wortschwall, dem ich nur das Wort „Bantalon“ entnehmen konnte. Eines der wenigen arabischen Worte, die ich verstehe, Hosen sind in unserer Kleiderkammer auch immer gefragt. Ich suche eine Grünweste – und bekomme sofort Hilfe, bei der Ermittlung der passenden Größen. Hosen für Mutter und Tochter, für das Mädchen auch einen warmen Pullover. Schuhe für den Vater – ja, die sind schon ziemlich durchgelaufen. Auch eine Jeans für ihn. Ihre Tasche ist kaputt, ob es wohl einen Rucksack für sie gibt? Ich verspreche zu fragen. Zügig zur Kleiderkammer gehen, im Zelt nicht rennen, da werde ich doch direkt zurecht gewiesen. Stimmt ja, das habe ich in der Eile vergessen. Jetzt den Notizzettel abgeben, die Tasche mit der ausgesuchten Kleidung nehmen und der Familie bringen. Ein Rucksack ist auch dabei. Der Vater beginnt direkt mit umpacken. Toll, die Helfer haben ihm auch Socken in die Schuhe gesteckt, damit die nicht vergessen werden! Die Hose für das Mädchen ist doch zu groß – noch mal zurück laufen und eine Nummer kleiner holen. Der Vater am Nachbartisch wartet noch auf seine Frau, die mit den drei kleinen Kindern von einer Blauweste zur Wickelstation begleitet wurde. Auch er braucht Schuhe, und einen Gürtel – ein spannendes Stück Pantomime. Verstanden, seine Hose ist zu weit – aber er meint, dass er keine neue braucht, ihm reicht ein Gürtel. Zum dritten Mal zu Kleiderkammer flitzen – schon rufen hier und da Stimmen: „Nur noch 10 Minuten.“, das kann doch nicht stimmen, das ging viel zu schnell. Während mir ein guter Engel die Schuhe raussucht, erspähe ich die Kiste mit den Gürteln und fische einen schlichten Gürtel heraus, der nicht nach Schnick-Schnack aussieht. Die Länge scheint ausreichend. Mit Schuhen und Gürtel zurück ins Zelt. Die Mutter ist mit den drei Kindern zurück von der Wickelstation – alle sauber und für das Baby hat sie jetzt eine Tragetasche – die Kleine ist warm eingepackt in einen Schneeanzug, die großen Schwestern tragen warme Mützen. Erst zwei Monate ist das kleine Mädchen alt – kaum vorstellbar, wie diese Familie den Weg hinter sich gebracht hat, Kinder von 3, 1 ½ und zwei Monaten und der Opa im Rollstuhl… Fast als hätten die eindringlichen Hinweise vorhin es herbeigeredet – (Wenn die angesagte Zeit um ist, wird die Kleiderkammer geschlossen und es gibt nur noch in Notfällen etwas, weil die Busse vorfahren) – übergibt sich das größte der drei Kinder – zu viel Schokolade zu schnell? Übermüdung oder Aufregung? Egal – Papierservietten und Feuchttücher holen zum Saubermachen und nachfragen, ob das Kind jetzt noch schnell eine saubere Jacke bekommen kann. Die Mutter wird hektisch – die Durchsagen über Lautsprecher haben die Busse angekündigt (hat mir eine Grünweste erklärt, ich habe kein Wort verstanden). Ich kümmere mich kurz um das Baby, während sie die „Große“ saubermacht. Hurra, da bringt noch eine Helferin eine neue Jacke für das Kind. Und schon reiht sich auch „unsere“ Großfamilie in die Schlange ein. Wir helfen noch mit den Taschen. Zurück in die Kleiderkammer. Durchschnaufen, etwas trinken und die nächsten Anweisungen entgegen nehmen. Wenn die Zelte leer sind, muss noch aufgeräumt werden. „Alte“ Kleidungsstücke – oft am Geruch erkennbar – in die Tonnen, „neue“, die nicht passten oder nicht gefielen, in einer Tasche sammeln. Und ganz wichtig: den Müll wegräumen. Halbleere Suppenschüsseln, geöffnete Getränke, Verpackungen von Müsliriegeln und Bananenschalen von den Tischen räumen. Bei uns ist noch ein Malbuch und ein Kuscheltier aus den Willkommensbeuteln liegen geblieben. Zurück zur Kinderspielecke? Die Hinweiszettel und Infohefte, die auf Tischen liegengeblieben sind, auf Stapeln sammeln. Prima, unsere Tischgruppe ist schon wieder ordentlich. Noch die „gute“ Kleidung – darunter bei mir eine warme Herrenjacke – zurück in die Regale räumen und mein erster Einsatz an der Drehscheibe geht zu Ende. Es ist vier Uhr morgens und ich war um diese Uhrzeit selten so wach. Um halb fünf bin ich endlich zu Hause – und kann noch zwei Stunden schlafen, bevor der Wecker ging.